Von Herzen sprechen    

Von Herzen sprechen

Warum echte Begegnung erst beginnt, wenn wir mitteilen, was uns wirklich bewegt.

Bei der dialogischen Arbeit legen wir Wert darauf, dass wir von Herzen sprechen. Leichter gesagt als getan…denn was bedeutet das eigentlich – und warum ist es wichtig?

Es hat mit der Geschwindigkeit und Reaktivität unseres Denkens zu tun: Jemand sagt oder tut etwas, und sofort haben wir einen Gedanken oder ein Urteil darüber. Wir äußern unsere Meinung und argumentieren auf einer mentalen Ebene, ohne wahrzunehmen, wie wir von dem, was auf uns zukommt, berührt oder bewegt werden.

Wenn wir nicht mitteilen, was etwas mit uns macht, bleiben unsere Reaktionen mental und rational – und meist auch unverändert. Sie bewegen sich nicht weiter. Sie werden zu Positionen, die wir immer wieder wiederholen. Wir erleben sie als Wahrheiten, die uns wichtig sind, die wir verteidigen wollen – und die deshalb schnell zu Verhärtung und Konflikt führen können.

Gedanken und Meinungen können endlos wiederholt werden, wenn wir nicht fühlen und ausdrücken, was uns wirklich bewegt. Wir sehen das überall um uns herum. Es ist nicht nur die übliche Weise des Kommunizierens in Politik oder Arbeitswelt, sondern oft auch in unserem Familienleben.

Dabei liegen unseren Reaktionen immer Gefühle zugrunde. Etwas tut uns gut, lässt Zweifel aufkommen, begeistert uns, macht uns fröhlich oder melancholisch, ruft Widerstand hervor oder führt zu einem neuen kreativen Gedanken. Diese Reaktionen nehmen wir hauptsächlich im Hier und Jetzt wahr. Es sind authentische, persönliche Bewegungen in uns.

Genau diese machen den Dialog zu einem lebendigen und kreativen Prozess. Wir nehmen uns selbst und einander spürend wahr – in unserer Menschlichkeit. Es entsteht ein lebhafter, neugieriger Prozess, in dem viel Neues entstehen kann, wenn wir uns dafür öffnen.

Aber nicht nur das. Wenn wir aus dem Herzen sprechen und mitteilen, was uns wirklich bewegt, werden wir für den anderen sichtbar – mit allem, was wir in diesem Moment sind. Wir zeigen etwas von uns, zeigen uns in unserer Vielfalt, und gleichzeitig können wir die andere Person in ihrer Individualität wahrnehmen.

Genau das ist notwendig, damit Vertrauen wachsen kann.

Wenn wir einander sehen und wahrnehmen, was uns wichtig ist, was in uns lebt und uns bewegt, erkennen wir unsere gemeinsame Menschlichkeit – und auch unsere Unterschiedlichkeit. Daraus entsteht Vertrauen. Und daraus wächst die Verbindung, die Beziehung, die wir brauchen, um wirklich gemeinsam denken zu können.

„Wenn wir von Herzen sprechen, können wir niemals etwas Falsches sagen.“

Dies ist eine Aussage von Elice Sijbrandij, die das auf dem Punkt bringt:

Aus dem Herzen zu sprechen bedeutet, das mitzuteilen, was uns persönlich bewegt. Wir sprechen von unserem eigenen Empfinden. Das bedeutet auch: Was wir sagen, ist nicht „die Wahrheit“, sondern unsere subjektive Erfahrung. Und gerade darin liegt etwas Wertvolles – denn diese Erfahrung ist immer richtig für uns und zugleich einzigartig.

Wenn unser Gegenüber ebenfalls aus dem Herzen spricht, entsteht etwas Einzigartiges und Kreatives. Etwas, das sich nicht in vorgefassten Meinungen, festen Mustern, Regeln oder Wahrheiten festhalten lässt.

Von Herzen zu sprechen, bedeutet auch, unsere Aufmerksamkeit von den Gedanken zu den Körperempfindungen zu lenken. Der Körper ist es, der fühlt und wahrnimmt; das Denken übersetzt diese Wahrnehmungen anschließend in Worte und Konzepte.

Unsere Empfindungen zum Ausgangspunkt unseres Sprechens zu machen, bringt Lebendigkeit in unsere Gespräche. Gleichzeitig bleiben wir uns selbst nahe – in unserer eigenen Mitte, authentisch, im Hier und Jetzt.

Eelco de Geus
Pressbaum, 6. März 2026

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